Schulverpflegung in Europa

Politische Vorgaben im Vergleich

Nicht nur in Deutschland ist Schulverpflegung ein wichtiges Thema. Ein Vergleich der europäischen Mitgliedstaaten zeigt, dass in allen Ländern freiwillige oder verpflichtende Vorgaben wie Standards bzw. Richtlinien für das Schulessen zum Einsatz kommen. Die Schwerpunkte sind aufgrund kultureller und politischer Besonderheiten in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich, ebenso die Finanzierungsmodelle. Ein Blick über den nationalen Tellerrand lohnt sich, um sich von guten Ansätzen inspirieren zu lassen.

Politische Vorgaben im Vergleich

Richtlinien für die Schulverpflegung in Europa

Eine durch die Gemeinsame Forschungsstelle JRC (Joint Research Centre) der Europäischen Kommission durchgeführte Studie aus dem Jahr 2014 zeigt, dass in allen 30 untersuchten Ländern (28 EU-Mitgliedstaaten plus Norwegen und Schweiz) „School food policies“ vorliegen, also Richtlinien für die Schulverpflegung. Alle haben dabei zum Ziel, die Verpflegung für die Schüler insgesamt zu verbessern, Kindern ein gesundheitsförderliches Essverhalten nahezubringen und kindlichem Übergewicht vorzubeugen bzw. dieses abzubauen (1). Allerdings ist die Umsetzung der Richtlinien in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich: In Großbritannien, Frankreich, Schweden, Dänemark, Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Rumänien und Bulgarien sind sie gesetzlich bindend. In den restlichen Ländern beruht die Umsetzung auf freiwilliger Basis (1). In den meisten europäischen Ländern gibt es eigenständige Richtlinien für die Schulverpflegung, in einigen sind diese aber auch Teil von Richtlinien im Bereich Gesundheit oder Bildung. Für die Formulierung der Vorgaben sind überwiegend die Ministerien für Gesundheit oder Bildung verantwortlich, häufig auch gemeinsam, zum Teil zusammen mit weiteren Ministerien und Institutionen (1).

Children’s Food Trust und Food School Plan in Großbritannien

Die verpflichtenden „school food standards“, genauer „The Requirements for School Food Regulations 2014“ wurden erstmals im Jahr 2007 vom englischen Bildungsministerium veröffentlicht und enthalten detaillierte, lebensmittelbezogene Angaben für die Zusammensetzung der Mahlzeiten in Schulen (2, 3, 4). Überarbeitet wurden sie im Jahr 2008 unter der Federführung eines Expertengremiums des „School Food Trust“. Diese Nicht-Regierungsorganisation sollte die Qualität der Schulverpflegung verbessern und sichern.  Im Jahr 2005 erhielt der „School Food Trust“ eine staatliche Anschubfinanzierung von 15 Millionen Pfund. Nach einer weiterführenden Finanzierung in Millionenhöhe wird der „School Food Trust“ seit 2011 von unterschiedlichen Wohltätigkeitsverbänden und Stiftungen sowie durch korporative Mitglieder und Sponsoren finanziert und heißt nun „Children’s Food Trust“ (5). 2013 wurde der „School Food Plan“ veröffentlicht, ein Dokument, das viele Empfehlungen für eine gute Schulverpflegung in England enthält. Verfasst wurde es von zwei bekannten Gastronomen in Zusammenarbeit mit einem Expertengremium, an dem auch der „Children’s Food Trust“ beteiligt war. Der Plan und die dazugehörige Initiative wird vom Bildungsministerium gefördert und zu über der Hälfte von Wohltätigkeitsorganisationen finanziert wird (6). Im Zentrum steht die Überzeugung, dass eine erfolgreiche Schulverpflegung nicht von oben verordnet werden kann, sondern in den Schulen selbst entwickelt werden muss. Die Experten des „School Food Plan“ möchten Schulleitern Werkzeuge an die Hand geben, um eine gute Verpflegung an ihrer eigenen Schule zu etablieren. Eine weitere wichtige Säule des Programms ist es, Kindern Kompetenzen rund um Essen, Kochen und Lebensmittel zu vermitteln. Die aktuell geltenden „school food standards“ wurden im Auftrag des Bildungsministeriums vom „School Food Plan“ formuliert und gelten seit Januar 2015 verpflichtend für alle staatlichen Schulen, außerdem für privat betriebene und freie Schulen, die ab 2015 gegründet wurden (3, 7). Eine Zusammenfassung der Standards sowie ein Praxis-Handbuch für Schulen, Köche und Caterer soll die Anwendung der „school food standards“ erleichtern (8).

Kostenloses Mittagessen und demokratische Mitbestimmung in Schweden

In Schweden gibt das Schulgesetz vor, dass jedes Kind ein kostenloses Mittagessen bekommen soll. Finanziert wird dies aus Steuergeldern (9). 2011 wurde die Bedingung aufgestellt, dass Schulverpflegung nährstoffreich sein soll, überprüft wird dies jedoch nicht. Die National Food Agency hat Richtlinien und Empfehlungen herausgegeben, an denen sich die Gemeinden freiwillig orientieren können (10). Verantwortlich für die Schulverpflegung sind die Gemeinden, denen unterschiedliche Ressourcen zur Verfügung stehen. Daher ist die Qualität des Schulessens in schwedischen Schulen sehr unterschiedlich, ebenso dessen Organisation (11). Darüber hinaus spielen demokratische Werte eine große Rolle in Schweden: Die Bildungspolitik betrachtet diese als eng verwoben mit organisationalen Strukturen und Ressourcen. Partizipation in der Organisation des Schulessens wird daher von schwedischen Gemeinden vorgeschrieben. So hat zum Beispiel die Gemeinde Stockholm die Mitbestimmung in ihren Leitlinien für die Schulverpflegung verankert: In der Leistungsbeschreibung für die Schulcaterer ist verankert, dass der Dienstleister viermal im Jahr einen Essensbeirat einberufen muss, außer ihm zusammengesetzt aus Schülern, Eltern und Schulverantwortlichen. Hier werden Probleme und Veränderungswünsche besprochen, und der Caterer ist verpflichtet, Beschlüsse des Essensbeirats umzusetzen (11).

Hochwertige Lebensmittel und Esskultur in Frankreich und Italien

In Frankreich geben die verbindlichen Standards den Rahmen für die Mahlzeiten in den Schulen vor. Die Schulverpflegung wird zur Hälfte vom Bildungsministerium finanziert, die andere Hälfte tragen die Eltern, abhängig von ihrem Einkommen. Die Kommunen organisieren die Verpflegung und beauftragen überwiegend private Cateringunternehmen. Dieses wird meist in einer Mensa mit drei oder vier Menülinien angeboten. Snackautomaten sind in den Schulen schon seit dem Jahr 2005 verboten (12). Jedes Schulessen muss aus einem Hauptgericht mit Beilage, einem Milchprodukt und entweder einer Vor- oder einer Nachspeise bestehen. Des Weiteren geben die Standards die Angebotshäufigkeit von Lebensmitteln und Gerichten in einem 20-Mahlzeiten-Zyklus vor (13).

In Italien sind die Richtlinien für die Schulverpflegung freiwillig. Allerdings gewährleistet ein Gesetz, dass regionale und ökologisch erzeugte Lebensmittel bevorzugt werden. Die Regierung beteiligt sich an den Kosten für die Zutaten und die Organisation des Schulessens. Für Kinder aus einkommensschwachen Familien werden die Mahlzeiten vergünstigt oder umsonst abgegeben (12). Die italienischen Richtlinien für die Schulverpflegung enthalten Vorgaben für die Zusammensetzung, Zubereitung und Präsentation von Speisen sowie für die Essatmosphäre und die Qualifikation des Personals (4, 14). Darüber hinaus haben Aspekte der Esskultur eine große Bedeutung. So lernen jüngere Kinder das Essen an Tischen mit Tischdecken und Silberbesteck mit einem Drei Gänge-Menü in Gemeinschaft mit Lehrkräften kennen (12).

Staatliche Zuschüsse und Verbot von mitgebrachten Speisen in Finnland

In Finnland bekommen seit 1983 alle Schüler ein kostenloses Mittagessen. Dieses muss nach den verbindlichen Vorgaben des Ministeriums für Soziales und Gesundheit ein Drittel der täglichen Empfehlungen für die Energie- und Nährstoffzufuhr erfüllen. Das Mitbringen von eigenen Lunchpaketen ist in Finnland als einzigem Land in der EU nicht erlaubt. Wie in Schweden und Frankreich sind die Kommunen für die Organisation der Schulverpflegung verantwortlich. Diese bekommen in Finnland einen staatlichen Zuschuss von knapp 70 % der Kosten. In der Regel bedienen sich die Schüler selbst am Büffet in der Mensa. Orientierung für die ausgewogene Zusammenstellung gibt ihnen das sogenannte „Teller-Modell“, ein Bild der entsprechenden Mahlzeit mit ihren Komponenten. Viel Wert wird in Finnland auf eine angenehme Essatmosphäre gelegt und auf Tischmanieren sowie auf finnische Traditionen. Eine wichtige Rolle spielen außerdem die Mitbestimmung und das Feedback der Schüler (12, 15).

Fazit

Wie die Beispiele zeigen, bilden in allen Ländern Europas Qualitätsstandards die Basis für eine bedarfsgerechte Schulverpflegung. Wie diese eingesetzt werden und wie aufwendig dabei vorgegangen wird, hängt unter anderem davon ab, wie verbindlich die Standards in den jeweiligen Ländern vorgegeben werden (16). Die Ansätze und Strukturen der Standards sind in Europa vergleichbar, die Herausforderungen ebenfalls. Zentrale Themen sind neben der gesundheitsförderlichen Gestaltung der Mittagsmahlzeit die Steigerung der Akzeptanz, eine ansprechende Präsentation gut schmeckender und gesundheitsfördernder Mahlzeiten, deren Finanzierung und die Qualifikation der Anbieter (16). In einigen Ländern werden ergänzende Aspekte besonders hervorgehoben, die in der Schulverpflegung der jeweiligen Länder als wesentlich erachtet werden, wie z. B. die Einhaltung von Traditionen und Esskultur. Hinsichtlich der Finanzierung der Schulverpflegung reicht das Angebot in den europäischen Ländern von kostenlosem Angebot für alle über eine staatliche Unterstützung bis hin zur vollen Finanzierung durch die Eltern.

Ungeachtet von Standards, Verbindlichkeiten und Finanzierungsmodellen bleiben in allen Ländern vielfach die Fragen offen, inwieweit und in welchem Ausmaß vorliegende Standards tatsächlich in die Praxis umgesetzt und implementiert werden, was in welchem Umfang von den Schülern und Schülerinnen tatsächlich gegessen wird und schlussendlich, inwieweit die Schulverpflegung die Verpflegung der Schüler und Schülerinnen verbessert. Hier gibt es grundsätzlich noch Interventions- und Forschungsbedarf.

Das EU-Schulprogramm

Das bisherige EU-Schulobst- und -gemüseprogramm und das EU-Schulmilchprogramm wurden zum neuen Schuljahr 2017/2018 zusammengelegt: Das EU-Schulprogramm soll Kindern und Jugendlichen frische Milch, Obst und Gemüse schmackhaft machen, indem sie täglich kostenlos damit versorgt werden. Für die Abgabe von Schulmilch stellt die EU ein Budget von 100 Millionen Euro und für Schulobst und -gemüse 150 Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung. Um am Programm teilnehmen zu können, müssen die EU-Mitgliedstaaten eine nationale oder regionale Strategie für die Zeitspanne von 6 Jahren bei der europäischen Kommission einreichen. Die Finanzmittel werden auf Basis der Anzahl der 6- bis 10-jährigen Kinder in den EU-Ländern verteilt. Zielgruppe sind jedoch alle Kinder und Jugendlichen in Bildungseinrichtungen. Mehr Informationen zum EU-Schulprogramm gibt es auf den Internetseiten des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL).

Quellen

(1) Storcksdieck genannt Bonsmann S, Kardakis T, Wollgast J, Nelson M, Louro Caldeira S: Mapping of National School Food Policies across the EU28 plus Norway and Switzerland, European Commission - Joint Research Centre - Institute for Health and Consumer Protection (IHCP) (2014)

(2) EDUCATION, ENGLAND - The Requirements for School Food Regulations 2014

(3) Department of Education: School food in England - Departmental advice for governing boards (2016)

(4) European Commission - Joint Research Centre: School food policy country factsheets

(5)  http://www.childrensfoodtrust.org.uk/

(6) http://www.schoolfoodplan.com/wp-content/uploads/2016/03/SFP-governance-and-funding.pdf

(7) http://www.schoolfoodplan.com/the-plan/

(8) http://www.schoolfoodplan.com/actions/school-food-standards/

(9) Lucas PJ, Patterson E, Sacks G, Billich N, Evans CEL: Preschool and School Meal Policies: An Overview of WhatWe Know about Regulation, Implementation, and Impact on Diet in the UK, Sweden, and Australia. Nutrients (2017)

(10) National Food Agency: “GOOD SCHOOL MEALS” – Guidelines for primary schools, secondary schools and youth recreation centres. (2013)

(11) Simshäuser U, Mraz G, Hofmann R: Alltagsbeispiel Mittagstisch, ÖkologischesWirtschaften - Forschung für eine Ernährungswende, Jg. 20, Nr. 1 (2005)

(12) Aliyar R, Gelli A, Hamdani SH: A review of nutritional guidelines and menu compositions for school feeding programs in 12 countries. Front. Public Health 3:148. (2015)

(13) Arrêté du 30 septembre 2011 relatif à la qualité nutritionnelle des repas servis dans le cadre de la restauration scolaire

(14) LINEE DI INDIRIZZO NAZIONALE PER LA RISTORAZIONE SCOLASTICA

(15) Finnish National Board of Education: School meals in Finland - Investment in learning (2008)

(16) Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (Hrsg.): Qualität in der Schulverpflegung – Bundesweite Erhebung, Abschlussbericht (2015)

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