Kind schneidet in einer Kita eine Banane in Stücke.
Gute-KiTa-Gesetz

Wie das Essen in der Kita zum Vergnügen wird

Quelle: LVGF Schleswig-Holstein e.V.

Das Projekt Lebenslust – Leibeslust der Landesvereinigung für Gesundheitsförderung in Schleswig-Holstein e.V. ist ein primärpräventives Angebot für Kitas, um Ess-Störungen frühzeitig vorzubeugen.

Primärpräventives Angebot

Eine wachsende Anzahl übergewichtiger und adipöser Kinder war einer der Faktoren, vor deren Hintergrund im Jahr 2002 das Projekt Lebenslust-Leibeslust der Landesvereinigung für Gesundheitsförderung in Schleswig-Holstein e.V. entstanden ist. „Zudem hat uns die Beratung und Fortbildung von Multiplikator*innen aus dem Setting Kindertagesbetreuung gezeigt, dass der Anteil essgestörter Kinder und Jugendlicher deutlich zugenommen hatte“, erklärt Projektentwicklerin Sabine Hoffmann-Steuernagel, die gemeinsam mit Projektkoordinatorin Petra Scheunpflug für das Projekt verantwortlich ist. „Uns wurde vielfach von problematischen Ess-Situationen berichtet, die für Familien, Kita-Personal und Kinder gleichermaßen belastend sind. Wir haben daher auf Landesebene ein primärpräventives Angebot geschaffen, mit dem Ziel, Essstörungen bereits im Kindergarten vorzubeugen.“ Multiplikator*innen teilnehmender Einrichtungen erhalten Orientierungshilfen, um ein positives Essverhalten bei Kindern zu fördern und ihre Entscheidungsfähigkeit in Bezug auf Ernährung zu stärken.

Ansatz: Angebots- und Entscheidungsmodell

Nach einer erfolgreichen Modellphase konnte das Projekt ab dem Jahr 2004 allen Kindertageseinrichtungen in Schleswig-Holstein angeboten werden. Seither haben landesweit 123 Kitas mit über 10.000 Kindern teilgenommen, 1.320 pädagogische und hauswirtschaftliche Fachkräfte haben sich an Fortbildungen beteiligt. „Wir möchten erreichen, dass Kinder ein unbefangenes Essverhalten entwickeln und Lust auf gesunden Genuss bekommen. Dafür brauchen sie ein intaktes Empfinden für die eigenen Bedürfnisse.“ Im Mittelpunkt der Projektmaßnahmen steht das Angebots- und Entscheidungsmodell, das eine klare Rollenverteilung für begleitende Erwachsene und für die Kinder in der Ess-Situation vorsieht. „Die pädagogische Fachkraft stellt ein ausgewogenes und gutes Lebensmittelangebot zur Verfügung und legt unter Beteiligung der Kinder fest, was wann und wie gegessen wird. Das Kind entscheidet selbstständig, ob, was und wieviel es davon auswählt“, beschreibt Diplom-Oecotrophologin Sabine Hofmann-Steuernagel diesen Kernaspekt.

Was kennzeichnet eine problematische Ess-Situation?

Dabei geht es nicht darum, Kriterien für problematische Ess-Situationen zu formulieren oder gar Lösungswege dafür vorzuschlagen. „Uns war sehr wichtig, nicht mit erhobenem Zeigefinger in die Kitas zu gehen. Die Erzieher*innen sollen lernen, sich abzugrenzen und eine professionelle Haltung zu entwickeln. Wir zeigen alternative Handlungsmöglichkeiten für problematische Ess-Situationen auf“, so Hofmann-Steuernagel. Vorrangig ginge es jedoch darum, dass das Team gemeinsam Umgangsregeln für das Essen mit den Kindern findet. Dabei sei es entscheidend, dass die Fachkräfte für ihr eigenes Verhalten sensibel werden, erklärt die Diplom-Oecotrophologin. „Wer mit am Tisch sitzt, transportiert Botschaften, auch unbewusst. Eine gemeinsame Sprache im Team und das Hinterfragen seiner persönlichen Einstellungen sind daher enorm wichtig.“ Als einen Stolperstein beschreibt Sabine Hoffmann-Steuernagel, dass das Thema Ernährung oft hohes Konfliktpotential berge. „Wenn innerhalb des Teams unterschiedliche Einstellungen zur gesunden Ernährung bestehen oder die Mitarbeiter*innen verschiedene Toleranzgrenzen haben, kann das ein Streitpunkt sein. Unsere Referentinnen nehmen dann eine moderierende Rolle ein, bis ein gemeinsames Verständnis entsteht.“

Vier Fortbildungsmodule

„Das Projekt beinhaltet vier Fortbildungsmodule, mit denen die Einrichtungen über einen Zeitraum von 6 bis 12 Monaten begleitet werden“, führt Petra Scheunpflug aus. „Die Einrichtungen können selbst bestimmen, welchen inhaltlichen Schwerpunkt sie setzen möchten, etwa zur Elternarbeit oder zu anderen Fragestellungen. Grundsätzlich geht es aber um Ernährungsbildung und Wahrnehmungsförderung, die Primärprävention von Ess-Störungen und um die Organisationsentwicklung.“ In den Modulen wird Grundlagenwissen zur Kinderernährung ebenso vermittelt wie Wissen zum Essverhalten. „Wenn Kinder sehr auffälliges Verhalten zeigen oder bei U3-Kindern Fütterstörungen auftreten, lernen die pädagogischen Fachkräfte, sich externe therapeutische Hilfe zu holen“, so Scheunpflug.

„Wir begleiten die Kitas dabei, gemeinsam eine Situationsanalyse durchzuführen und ihren eigenen Maßnahmenplan und ihr individuelles Ernährungskonzept zu entwickeln.“ In ergänzenden Modulen werden weitere Akteure einbezogen, vor allem die Eltern. „Wir veranstalten gemeinsam mit der Kita Elternabende, auf denen wir über die Teilnahme am Projekt und über Eltern-Kind-Aktionen informieren und das Angebots- und Entscheidungsmodell als Kernstück des Projektes vorstellen“, so Petra Scheunpflug. „Zu Projektende ziehen wir auf einer ganztägigen Abschlussveranstaltung Resümee. Etwa sechs Monate nach Projektende gibt es ein Follow-Up, um aktuellen Bedarf zu ermitteln. Oft geht es dann um die Frage, wie neue Mitarbeiter*innen gut in das Ernährungskonzept eingebunden werden können.“

Lernen, die Entscheidung des Kindes anzunehmen

Sabine Hoffmann-Steuernagel betont die Bedeutung des Angebots- und Entscheidungsmodells. „Das ist die wichtigste Grundlage für Ernährungsbildung. Natürlich soll die Kita ein gutes und vielfältiges Speisenangebot nach den Empfehlungen der DGE vorhalten, dann aber dürfen die Kinder frei entscheiden, denn wir wollen ihre Eigenständigkeit fördern. Zu Beginn fällt es den Erwachsenen manchmal schwer, die Entscheidung des Kindes anzunehmen. Mit der Zeit aber schafft gerade das Entspannung, wenn sie sehen, wie positiv und neugierig die Kinder reagieren. Oft löst sich dann ein Knoten und es entsteht mehr Sicherheit, Essensentscheidungen gegenüber den Eltern besser pädagogisch zu begründen. Eltern erleben ihr Kind dann häufig ganz anders als beim Essen zuhause.“ Diese Entspannung und Sicherheit führten dazu, dass Ess-Situationen insgesamt viel stressfreier abliefen. „Die Kinder werden probierfreudiger, weil sie viel weniger Druck verspüren“, resümiert Sabine Hoffmann-Steuernagel.

Evaluation mit positiven Ergebnissen

Eine Evaluation stützte diese Erkenntnisse. Bei den Kindern war ein deutlicher Anstieg der Entscheidungsfähigkeit während der Projektphase sichtbar. Sie lernten neue Lebensmittel kennen und entwickelten Neugierde, Unbekanntes auszuprobieren. Die Evaluation hält fest, dass die Kinder besser aßen, das Essen in einer ruhigeren Atmosphäre stattfand und die Tischsitten sich verbesserten. Der dadurch angeregte Lernprozess fördere Kinder darin, Entscheidungen beim Essen reflektiert, selbstbestimmt und qualitätsorientiert zu treffen, was insgesamt einen nachhaltigen gesundheitsfördernden Effekt erwarten lasse, so das Ergebnis der Evaluation. Mit Blick auf die pädagogischen Fachkräfte lässt sich festhalten, dass viele Erzieher*innen durch das Projekt neue Handlungskompetenzen erworben und das eigene Bewusstsein für Ernährungsfragen gestärkt haben. Nach Ende der Projektphase sind die Multiplikator*innen in der Lage, die weitere Umsetzung der entwickelten Maßnahmen in Eigenregie zu übernehmen.

Kontakt und weitere Informationen

  • Das Projekt Lebenslust-Leibeslust (u.a. mit Praxishandbuch, Projektbausteinen, Elternflyern zum Download)

     
  • Das Projekt Lebenslust – Leibeslust in der Projektdatenbank des Kooperationsverbunds Gesundheitliche Chancengleichheit

     
  • Ansprechpartnerin bei der Landesvereinigung für Gesundheitsförderung in Schleswig-Holstein e.V.
    Petra Scheunpflug scheunpflug@lvgfsh.de
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