Claudia Ullrich-Runge, Deutsches Jugendinstitut

Claudia Ullrich-Runge, Deutsches Jugendinstitut e.V.

Quelle: DJI

Das NQZ im Gespräch mit Claudia Ullrich-Runge, Diplom-Pädagogin und wissenschaftliche Referentin beim Deutschen Jugendinstitut e.V. (DJI), Abteilung Kinder und Kinderbetreuung mit dem Schwerpunkt Kindertagespflege.

Welchen Bezug hat Ihre Tätigkeit beim DJI zum Thema Ernährung und Ernährungsbildung?

Die Schwerpunkte meiner Arbeit am DJI liegen im Themenbereich Kindertagespflege allgemein, aktuell vor allem in der Qualifizierung, Fort- und Weiterbildung von Kindertagespflegepersonen. Dabei setze ich mich besonders für eine Stärkung der Strukturen ein, damit eine qualitätsorientierte Bildung und Betreuung in der Kindertagespflege möglich ist. Als Mit-Autorin des „Qualifizierungshandbuches (QHB) für die Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern unter drei“ bin ich aktuell im Projekt “QHB 3.0 – Blended Learning“ bis Juni 2022 tätig. Hier werden digitale Lehr- und Lerninhalte in Form eines Blended-Learning-Konzepts für die Grundqualifizierung von Kindertagespflegepersonen entwickelt. Im QHB ist das Thema Ernährung als Querschnittsthema verankert. Mit einem Erweiterungsmaterial wollen wir diesem Themenbereich mehr Gewicht verleihen, deshalb ist auch ein eigener Qualifizierungsbaustein Ernährung und Ernährungsbildung zum QHB geplant.

Unter welchen strukturellen Rahmenbedingungen sind Kindertagespflegepersonen tätig?

Grundsätzlich haben Kindertagespflegepersonen den gleichen Förderungsauftrag wie Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen. Die Settings unterscheiden sich jedoch voneinander. Kindertagespflegepersonen sind überwiegend in eigenen Räumen selbstständig tätig, sie betreuen meist kleine Gruppen von sehr jungen Kindern bis drei Jahre. Das bringt besondere Herausforderungen mit sich, die auch die Mahlzeiten betreffen. Tagesmütter und -väter sind für die Kinder sehr enge Bezugspersonen und damit ein großes Vorbild. Sie müssen sich ihrer Rolle bewusst sein, die sie für die Ernährungsbildung der Kinder spielen. Die Mahlzeiten bereiten sie häufig selber zu, d. h., sie benötigen Kenntnisse über eine bedarfsgerechte und hygienische Zubereitung, die oft auch parallel zur laufenden Betreuung erfolgt. Kindertagespflegepersonen müssen mit dem Budget haushalten, zudem muss die Art und Weise der Ernährung zu den vielfältigen Herkunftsfamilien der Kinder passen und mit ihnen abgestimmt sein. Oft verfolgen Eltern die Ernährung ihrer Kinder sehr aufmerksam und in der Regel besteht zu den Eltern der betreuten Kinder eine besonders enge Beziehung. Für all das ist die Kindertagespflegeperson allein verantwortlich. Gleichzeitig soll sie für Ernährungsbildung sensibel sein und die Mahlzeiten sehr bewusst für den Beziehungsaufbau zu den Kindern nutzen.

Welchen Stellenwert sehen Sie für die Ernährungsbildung in der Kindertagespflege?

Die Kindertagespflege bietet mit ihrer besonderen Struktur, also durch die kleine Kindergruppe, betreut durch eine feste Bezugsperson und familienähnliche Gegebenheiten, auch auf der Ebene der Mahlzeitengestaltung viel Potenzial für die Qualität der Verpflegung und für das Thema Nachhaltigkeit. Es gibt ein weites Spektrum an Möglichkeiten, Ernährungsbildung im pädagogischen Alltag der Kindertagespflegestelle zu integrieren. Wir müssen uns aber auch bewusstmachen, wie hoch und vielfältig die Anforderungen an Kindertagespflegepersonen dabei sind. Mit der Qualifizierung können wir einen Grundstein an Kompetenzen legen. Ernährung ist hier ein kleiner, aber wichtiger Baustein. Jede einzelne Kindertagespflegeperson bringt dazu ergänzend eigene Einstellungen und Erfahrungen mit, die auch ihre Familienernährung betreffen, wenn z. B. die betreuten Kinder mit den eigenen Kindern am Familientisch essen. Hier kommen vielfältige Abstimmungs- und Überlegungsprozesse auf alle Beteiligten zu. Es sind also vermehrt alltagsintegrierte Elemente, die wir ‑ nicht nur zur Frage der Ernährungsbildung ‑ in der Kindertagespflege umsetzen müssen, um angemessen nachhaltig und gesund zu agieren.

Welche Strukturen könnten helfen, Ernährungsbildung stärker zu verankern?

Die Studie „Gute gesunde Kindertagespflege“ von Prof. Dr. Susanne Viernickel von der Universität Leipzig und Kolleg*innen als auch meine eigenen Erfahrungen zeigen, dass viele Kindertagespflegepersonen die Ernährung in ihrer Konzeption verankert haben. Hinsichtlich der Umsetzung und Reflexion im Alltag und dem Stellenwert der Ernährungsbildung in der Kindertagespflege ist sicher noch Luft nach oben. Hier spielen die Fachberatungen eine zusätzliche wichtige Rolle. Denn das Thema ist nicht nur an die Kindertagespflegeperson adressiert, sondern muss bewusst und gezielt mit Fachberatungen besprochen werden. Hierfür müssen wir auch die Fachberatungen stärker befähigen. Im Sinne einer fachlichen Begleitung sollten sie den Bildungsauftrag auch hinsichtlich der Ernährungsbildung gemeinsam mit der Kindertagespflegeperson stärker in den Blick nehmen. Wir haben es bundesweit mit lokal sehr unterschiedlichen Strukturen und Prozessen zu tun, deshalb braucht es flexible Ansätze.

Was ist Ihre Motivation, sich im Gute-KiTa-Netzwerk des NQZ zu engagieren?

Das Thema gesunde und nachhaltige Ernährung soll stärker in den Fokus der Beteiligten in Kindertageseinrichtungen und auch in der Kindertagespflege rücken. Gleichzeitig sollen weitere Akteure auf operativer Ebene für dieses Thema sensibilisiert werden. Das Thema Ernährungsbildung wurde bisher kaum interdisziplinär bearbeitet. Im Netzwerk des NQZ haben sich diejenigen Akteure zusammengefunden, die das Thema Ernährung und Ernährungsbildung in der Kindertagespflege voranbringen können, das ist ein großer Gewinn. Das Netzwerk bietet eine Plattform, das Thema Essen und Ernährung aus unterschiedlichen Perspektiven und über die Disziplinen hinweg zu diskutieren, gemeinsame Grundlagen abzustimmen und das Thema nachdrücklicher in der frühpädagogischen Bildung zu platzieren. In Fragen der Qualifizierung zum Thema stehen wir in engem Austausch mit dem NQZ. Das NQZ hat relevante Player an den Tisch geholt, das schafft viel Sensibilität auf Bundes- und auch auf Länderebene.

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