Zwei Kleinkinder sitzen auf dem Boden, schauen sich an und geben sich gegenseitig ein Spielzeug.

Kindertagespflege international

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Die Kindertagespflege hat sich in der europäischen Union als familiennahe Betreuungsform insbesondere für Kinder unter drei Jahren etabliert. Zwar zeigen sich Bemühungen für eine Professionalisierung, doch gehört eine gesundheitsförderliche und nachhaltigere Verpflegung noch nicht zu den Schwerpunkten der Qualitätsentwicklung.

Im Überblick: Zahlen und Strukturen

In der europäischen Union (plus Norwegen und Schweiz) wird etwa ein Fünftel der Kinder unter drei Jahren in sogenannter nicht formaler Kindertagesbetreuung betreut. Nach einer Definition der europäischen Statistikbehörde (Eurostat) weist diese Betreuung keine formalen Strukturen zwischen der Betreuungsperson und den Eltern auf, folgt aber bestimmten Qualitätsmustern. Dazu zählt Eurostat die professionelle Betreuung durch Tagesmütter oder Tagesväter, aber etwa auch durch familiennahe Personen. Zum Vergleich: Etwas mehr als ein Drittel der unter Dreijährigen wird in formaler Kindertagesbetreuung (z. B. Kindertagesstätten) betreut. (1, 2) In den EU-Mitgliedsstaaten ist die nicht formale Kindertagesbetreuung unterschiedlich stark ausgeprägt (siehe Abbildung). Die Ausprägung hängt unter anderem davon ab, wie etabliert bzw. ausgebaut sich die Möglichkeiten für die formale Betreuungsform zeigen. So werden beispielsweise beide Betreuungsformen gleichzeitig genutzt, wenn formale Betreuungsmöglichkeiten die Arbeitszeiten von Eltern nicht ausreichend abdecken. (3, 10, 16) In zehn europäischen Ländern (hauptsächlich Mittel- und Südosteuropa) gibt es keine staatlich geregelte Kindertagespflege. (16)

Länderbeispiele

Drei Länderbeispiele zeigen die Organisationsstruktur der Kindertagespflege exemplarisch. Eine gesundheitsförderliche Ernährung findet im Ansatz Erwähnung.
 

  • Belgien
    Belgien umfasst die Regionen Flandern, Ostbelgien und Wallonien. Etwa drei von zehn Kindern im Alter von unter drei Jahren werden in der Kindertagespflege betreut (16). In Ostbelgien wurden 2021 rund 1.000 Kinder ab drei Jahren durch Tagesmütter/-väter betreut. Diese können sich in einer Co‑Struktur zusammenschließen und Räume oder Material gemeinsam nutzen oder sich Aufgaben teilen, wie z. B. die Zubereitung von Mahlzeiten. (11) Ein regionaler Masterplan beschreibt Grundsätze für einen qualitätsorientierten Ausbau der Kinderbetreuung inklusive der Kindertagespflege. Qualitätskriterien für die Gestaltung der Verpflegung enthält der Masterplan nicht. (12) Tageseltern werden über das Regionalzentrum für Kleinkindbetreuung zugelassen, durch dieses außerdem fachlich begleitet und jährlich weitergebildet. (13) In Flandern beträgt der Anteil der Kindertagespflege an der Kinderbetreuung etwa 21 %. Es zeigt sich dort, dass Tagesmütter/-väter im Durchschnitt nur sechs Jahre in ihrem Beruf tätig sind und der Sektor mit einer hohen Fluktuation zu kämpfen hat (3).
  • Österreich
    In Österreich sind etwa 1.900 Kindertagespflegepersonen zugelassen. (5) Neun unterschiedliche Landesgesetze bzw. Verordnungen regeln die Kinderbetreuung durch Tagesmütter und Tagesväter. Die Mehrheit arbeitet im eigenen Haushalt und versorgt dort in der Regel die Kinder mit Mahlzeiten. Eine gesunde und altersgerechte Ernährung ist ein Modul in der Ausbildung zur Tagesmutter/-vater. Qualitätsstandards für die Mahlzeitenzubereitung bestehen nicht. Es dürfen vier bis sechs Kinder gleichzeitig betreut werden. Die Kosten für die Mahlzeiten tragen meistens die Eltern. (6, 9) Für die Zulassung als Kindertagespflegeperson wird eine Qualifikation vorausgesetzt. (7) Diese erfolgt nach den Vorgaben der jeweiligen Landesgesetze der Bundesländer, orientiert sich aber im Grundsatz am Curriculum eines bundesweiten Ausbildungsstandards. (8) Dort beschreibt der Baustein Gesundheitsförderung und Prävention, dass Tageseltern „die Bedeutung von gesunder, altersgerechter Ernährung kennen und Ernährungszusammenhänge aufzeigen können“.
  • Schweiz
    In der Schweiz gilt die eidgenössische Pflegekinderverordnung als einzige gesetzliche Grundlage für die Kindertagesbetreuung. Grundlagen und Standards für die frühkindliche Bildung und Betreuung insgesamt sowie für die familienergänzende Bildung und Betreuung in Tagesfamilien werden vom Verband Kinderbetreuung Schweiz (kibesuisse) erarbeitet und den Kantonen zur Umsetzung empfohlen. (14) Nach Auskunft von kibesuisse findet die Verpflegung der Kinder üblicherweise in den Tagesfamilien statt. Die Kosten dafür werden mit den Eltern separat zu den Betreuungskosten verrechnet. Kibesuisse selbst spricht keine Empfehlungen zur Ernährung aus, sondern verweist auf Fachgesellschaften wie beispielsweise die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE). (15) Die SGE spricht Empfehlungen für die Ernährung von Säuglingen und Kleinkindern aus, die sich an Fachleute richten. (17)

Verpflegungskompetenz stärken

Zur Qualität der Bildung und Betreuung in der Kindertagespflege liegt bisher wenig Forschung vor. Während in den EU-Mitgliedsstaaten die Kindertagespflege in ihren Anfängen hauptsächlich dadurch gekennzeichnet war, Müttern von Kindern unter drei Jahren die Erwerbstätigkeit zu erleichtern, wird nun ihre Bedeutung für die frühkindliche Bildung anerkannt. Das zeigt sich insbesondere in wachsenden Bemühungen, Kindertagespflegepersonen für ihre Arbeit zu qualifizieren oder qualitative Vorgaben zum Betreuungsrahmen zu formulieren. (3, 4, 10) Für die Gesundheitsförderung von Kindern und im Sinne der Nachhaltigkeit sind alltagspraktische Qualitätsstandards zur Verpflegung erforderlich. Kindertagespflegepersonen brauchen zudem entsprechendes Fachwissen ergänzt um Kompetenzen in der Zubereitung und Begleitung von Mahlzeiten. Zusammengefasst sollte das in den Qualifizierungs-Curricula stärker als bisher eine Berücksichtigung finden, um das Potenzial einer qualitätsorientierten frühkindlichen Bildung und Betreuung besser zu nutzen.

Quellen

  1. Europäische Statistikbehörde Eurostat. Childcare arrangements in the EU (Stand 2020)
  2. Europäische Statistikbehörde Eurostat. Kinder unter drei Jahren in Kinderbetreuung oder Bildung nach Altersklassen und zeitlicher Nutzung in % der Population in der Altersklasse. EU-SILC Erhebung (2021). Mitteilung vom 27.03.2023
  3. Bauters V, Vandenbroeck M: The professionalisation of family day care in Flanders, France and Germany. European Early Childhood Education. Research Journal, 2017. Vol. 25, No. 3, 386–397
  4. Kinder in Europa. Ausgabe 20 (5/2011). Investieren in frühe Kindheit. ISSN 1613-737X
  5. Statistik Austria. Kindertagesheim-Statistik 2021/22
  6. Erhebung des Bundesverbandes für Kindertagespflege in Deutschland (BVKTP): Ritsch G, Mühleder N: Kindertagespflege in Österreich – Zahlen, Fakten, Informationen.
  7. Bundesverband der Tagesmütter/-väter in Österreich (Hrsg.) Tagesmutter/-vater – Individuelle Betreuung für Kinder im familiären Rahmen.
  8. Bundeskanzleramt Österreich. Gütesiegel Tageseltern-Ausbildung
  9. Bundesverband der Tagesmütter/-väter in Österreich. Mitteilung vom 24.08.2023
  10. Vandenbroeck M, Slot P, Hester H: Quality in home-based childcare providers: variations in process quality. European Early Childhood Education Research Journal, 2021, Vol. 29, No. 2, 261‑277
  11. Das Familienportal der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens.
  12. Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens. Masterplan 2025 für die Kinderbetreuung in der deutschsprachigen Gemeinschaft.
  13. Erhebung des Bundesverbandes für Kindertagespflege in Deutschland (BVKTP): Schöffers D: Kindertagespflege in Ostbelgien – Zahlen, Fakten, Informationen.
  14. Erhebung des Bundesverbandes für Kindertagespflege in Deutschland (BVKTP): Hoch N, Gerber A: Kindertagespflege in der Schweiz – Zahlen, Fakten, Informationen.
  15. Verband Kinderbetreuung Schweiz (kibesuisse). Mitteilung vom 29.08.2023
  16. European Education and Culture Executive Agency, Eurydice: Key data on early childhood education and care in Europe: 2019 edition, Publications Office of the European Union, 2019,
  17. Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE): Empfehlungen für die Säuglingsernährung (2017) und Empfehlungen für die Kleinkindernährung im Alter von 1 bis 3 Jahren (2017)

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