Kleine Kita-Kinder essen mit ihrer Erzieherin Obst- und Gemüserohkost.
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Partizipationsqualität in Essenssituationen untersucht

Quelle: adobeStock © Oksana Kuzmina

Eine Studie zur Kita-Qualität hat das Kinderrecht auf Partizipation im Kita-Alltag bewertet. Eine der wichtigsten Schlussfolgerungen lautet: In der hochstrukturierten und täglich wiederholten Schlüsselsituation Essen besteht qualitativer Nachholbedarf.

Die Studie BiKA (Beteiligung von Kindern im Kita-Alltag) hat das Kinderrecht auf Partizipation in den Mittelpunkt gestellt und die Qualität in der Kindertagesbetreuung mit Blick auf die Beteiligung von Kleinkindern untersucht. Gegenstand der Analyse waren Schlüsselsituationen im Kita-Alltag: Spielsituationen, dialogische Buchbetrachtungen und das gemeinsame Essen. Die Forscher*innen analysierten dazu im Krippenbereich per Video aufgezeichnete Situationen und befragten pädagogische Fachkräfte und Eltern zu ihren Erlebnissen, Erfahrungen und Einschätzungen. 

Die Studie wurde durch die Fachhochschule Potsdam und der Universität Graz gemeinsam mit der PädQUIS gGmbH durchgeführt und durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gefördert. Teilgenommen haben 89 Kindertagesstätten. Mit der empirischen Studie von 2018 bis 2020 sollte eine Forschungslücke im U3-Bereich geschlossen werden.

Möglichkeiten der Kinder zu Selbst- und Mitbestimmung sind nicht zufriedenstellend

Im Ergebnis hält die Studie fest, dass die Möglichkeiten von Kindern zur Selbst- und Mitbestimmung insgesamt nicht zufriedenstellend sind. Insbesondere sei die Partizipationsqualität in der täglich wiederkehrenden Essenssituation unzureichend.

„So entscheiden beispielsweise in knapp einem Viertel der beobachteten Mittagessen-Situationen nicht alle Kinder, ob sie etwas probieren oder nicht. In knapp der Hälfte der Essenssituationen können nicht alle Kinder selbst entscheiden, wie viel sie essen bzw. trinken möchten, und in etwa ebenso vielen Situationen wird ungefragt (zu-)gefüttert, obwohl zu beobachten ist, dass die Kinder in der Lage sind, Besteck zu handhaben.“
Bianka Pergande, Deutsche Liga für das Kind

Kriterien zur Bewertung der Partizipationsgelegenheiten beim Essen

Die Partizipationsqualität in der Essenssituation bewerteten die Wissenschaftler*innen anhand von vier Merkmalsgruppen:

  1. Die Mitbestimmung der Kinder bei der Gestaltung Essenssituation (u.a. Beteiligung beim Tischdecken, Freiwilligkeit zur Teilnahme an Tischritualen).
     
  2. Die Selbstbestimmung der Kinder über ureigenste Angelegenheiten beim Essen (u.a. Kinder dürfen über Platzwahl frei entscheiden, sie dürfen selbst bestimmen, welche Lebensmittel auf ihren Teller kommen).
     
  3. Die Selbständigkeit der Kinder, Dinge selbst zu tun (u.a. sich selbst Essen zu nehmen oder Getränke einzugießen, allein entscheiden, ob sie mit Besteck oder Fingern essen).
     
  4. Das Erleben der Essenssituation als soziale Situation (u.a. entspannte und angenehme Atmosphäre gemeinsam mit den Fachkräften ohne Störungen, z. B. durch das Abräumen oder Säubern des Tisches).

Beim Essen findet Beteiligung besonders selten statt

Dabei zeigte sich, dass gerade beim Essen Autonomie und Partizipationsmöglichkeiten der Kinder häufig eingeschränkt sind. Kinder dürfen sich oft nicht selbst ausprobieren und selbstständig handeln. So können nur in 17 % der Kitas die Kinder ihr Essen ausschließlich selbst oder füreinander auf den Teller füllen. In weiteren 30 % der Kitas machen es nur einige Kinder selbst oder helfen sich gegenseitig. In der Mehrheit der Kitas wird das Essen ausschließlich durch die Fachkräfte verteilt. Außerdem essen in fast der Hälfte der Kitas nicht alle Kinder selbstständig, obwohl sie dies bereits können.

Gelegenheiten für kindliche Autonomie werden zu wenig wahrgenommen

Dabei bietet das Essen als besonders prägende soziale Situation viele Möglichkeiten, die Kinder zu beteiligen und ihre sozialen, wie auch kognitiven Fähigkeiten zu entwickeln, erklären die Forscher*innen. Oft würde diese Chance aber anderen Interessen untergeordnet, etwa dem ungestörten Ablauf oder der Sauberkeit der Kleidung der Kinder. Außerdem seien Assistenzhandlungen der Fachkräfte häufig mindestens teilweise unangemessen, insbesondere in der Essenssituation. Diese Assistenzen zeichnen sich nach Auffassung der Autor*innen etwa durch Routinehandlungen bei der Essensvorbereitung und beim Hinsetzen an den Esstisch aus, wie z. B. auf den Stuhl setzen, den Stuhl an den Tisch rücken, Lätzchen umbinden oder Geschirr zurechtrücken. Die Wissenschaftler*innen ordnen diese Assistenzen eher den pflegerischen Tätigkeiten zu. Sie vermuten, dass diese Momente nicht als pädagogisch zu gestaltende Alltagssituationen gesehen werden und es möglicherweise keine Zeit für eine angemessene sprachliche Begleitung der Handlungen gibt. Direktive Handlungsanweisungen und grenzüberschreitender Körperkontakt gehören daher für viele Kinder zum Kita-Alltag, so die Autor*innen.

Partizipation gelingt häufig in weniger strukturierten Situationen

Dabei zeigte die Studie: Je weniger strukturiert eine Schlüsselsituation ist, desto freier sind die Kinder in ihrer Wahl. Als Beispiel nennen die Forschenden die Platzwahl. Während die Kinder nur in 32 % der Kitas entscheiden dürfen, wo sie beim Essen sitzen, können sie es beim Buchanschauen in 66 %. Noch freier ist das Spielen. In drei Viertel der Kitas entscheiden alle Kinder jederzeit, wo sie spielen.

Partizipative Fachkraft-Kind-Interaktion muss verbessert werden

Eine Schlussfolgerung der Studie lautet, dass auf dem Weg zu mehr Partizipation und daraus erwachsenden Lernchancen noch viel Verbesserungsbedarf besteht. Mahlzeitensituationen sind besonders prägende Interaktionen und sollten daher intensiver als kommunikative Situation genutzt und die Erfahrungen der Kinder im Tischgespräch häufiger aufgegriffen werden, so die Autor*innen. Die hochstrukturierte und täglich wiederholte Schlüsselsituation Essen – die Essenssituation einschließlich der Vor- und Nachbereitungen -  müsse unmittelbar qualitativ verbessert werden. Grundlegend dafür sei, das Bewusstsein über die reine zu bewältigende Organisationsaufgabe hinaus zu fördern. Die partizipative Fachkraft-Kind-Interaktion in alltäglichen Situationen muss noch an vielen Stellen verbessert werden, schlussfolgert die Studie. Dazu gehöre, dass die ausreichende Beteiligung der Kinder eine wichtige Rolle in der Team- und Personalentwicklung einnimmt. Partizipation solle zudem inklusiv gedacht und verstanden werden und auch die Mitbestimmung der Familien müsse verbessert werden. Eine bessere Beteiligung würde entscheidend zur pädagogischen Qualität beitragen.

Quelle

  • Deutsche Liga für das Kind: Newsletter Nr. 19 vom 9. Juni 2021
     
  • Beteiligung ist ein Kinderrecht - Web-Portal des BMFSFJ Frühe Chancen
     
  • Abschlussbericht der Forschungsstudie als Kurz- und Langfassung zum Download
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