Jugendlicher Schüler mit Maske im Klassenraum
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Ernährungsarmut bei Kindern durch Pandemie verschärft

Quelle: pixabay © Alexandra_Koch

Die Corona-Pandemie hat zu anhaltenden Beschränkungen geführt, die vor allem Kinder in armen Familien treffen, erklärt der Ernährungsmediziner Hans Konrad Biesalski. Besonders eine unzureichende Ernährung hat langfristige negative Folgen, der coronabedingte Wegfall der Kita- und Schulverpflegung hat die Situation verschärft.

Die Covid-19-Pandemie hat zu anhaltenden und besonders für Kinder schwerwiegenden Einschränkungen geführt. Dabei sind solche Kinder besonders betroffen, die bereits vor der Pandemie in Ernährungsarmut lebten. In einem Fachartikel zeigt Hans Konrad Biesalski, emeritierter Professor der Universität Hohenheim, dass die unzureichende Ernährung für Kinder gravierende Folgen hat. Er kritisiert, dass eine gesunde Ernährung mit den verfügbaren Leistungen des Arbeitslosengeldes II (ALG II oder „Hartz IV“) nicht finanziert werden kann. Der Lockdown habe den finanziellen Rahmen der Familien für Lebensmittel weiter eingeengt, die ausgefallende Kita- und Schulverpflegung habe eine Mangelernährung bei vielen Kinder befördert.

Nährstoffdefizite gefährden körperliche und kognitive Entwicklung der Kinder

Der pandemiebedingte Preisanstieg für höherwertige Lebensmittel wie frisches Obst und Gemüse führe außerdem bei vielen Familien dazu, dass sie auf preisgünstige und qualitativ weniger wertvolle, dafür aber kalorienreiche Lebensmittel zurückgreifen. Weiterhin führe der Verzicht auf die warme Schulmahlzeit bereits nach wenigen Monaten zu Defiziten wichtiger Vitamine und Mineralstoffe. Insgesamt sei für Kinder ein Mangel an essenziellen Mikronährstoffen wie Vitamin A und D, Folsäure sowie Eisen, Zink und Jod jedoch besonders prekär, weil sie diese für eine gesunde Entwicklung in besonders hohem Maße benötigten. So manifestiere sich ein Nährstoffmangel in den ersten 1.000 Lebenstagen eines Kindes in einem geringeren Längenwachstum und wirke sich negativ auf die Hirnentwicklung aus. „Untersuchungen haben gezeigt, dass Kinder aus ärmeren Familien oft kleiner sind und bei ihnen auch sehr viel häufiger Sprachentwicklungsstörungen auftreten“, so Biesalski. Der Nährstoffmangel begünstige zudem Infektionen, das gelte auch für SARS-CoV-2. Es zeichne sich ab, dass Kinder zwar in den meisten Fällen keine oder nur geringe Symptome hätten, aber bei Mangelernährung schwerere Verläufe auftreten könnten.

Regelsätze zu niedrig – Mehrausgaben durch Wegfall der Schulverpflegung

In Deutschland leben derzeit etwa 21 % der unter 18-Jährigen in einkommensschwachen Familien, das entspricht 2,8 Millionen Kindern und Jugendlichen. Eine gesunde und den Entwicklungsbedürfnissen der Kinder angemessene Ernährung könne in diesen Familien kaum sichergestellt werden. Das liege vor allem daran, dass die Regelsätze des ALG II für Nahrungsmittel pro Tag zu niedrig seien, so Biesalski. Die Beträge lägen gerade bei jüngeren Kindern deutlich unter dem, was für eine gesunde Ernährung nach den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) aufgewendet werden müsse: Für Kinder unter fünf Jahren sind das mindestens 4,50  Euro (Regelsatz 2,82  Euro) und für die Altersgruppe zwischen 6 und 17 Jahren mindestens 5,50  Euro (Regelsatz 4,01 bis 4,98  Euro). Der Wegfall der Schulverpflegung im Lockdown und teilweise auch danach bedeute für diese Familien zudem Mehrausgaben für die täglichen Mahlzeiten, denn die Kostenbeteiligung etwa durch das Bildungs- und Teilhabepaket (BuT) erfolge nur bei geöffneten Mensen.

 

„Für eine gesunde körperliche und geistige Entwicklung benötigt jedes Kind eine optimale Versorgung mit Energie und Nährstoffen. Es ist daher dringend geboten, einerseits den Tagessatz für Ernährung für Familien, die Arbeitslosengeld II beziehen, zu erhöhen. Andererseits sollte es Alternativen zu Schul- oder Kitamahlzeiten geben, wenn die Einrichtungen geschlossen sind.“
Hans Konrad Biesalski, Ernährungsmediziner

Fazit

In Armut lebende Kinder in Deutschland haben hohe Risiken für körperliche und geistige Entwicklungsstörungen, die ihre Erfolgsaussichten in Schule und Beruf einschränken können, resümiert der Experte. Unzureichende Ernährung sei dabei einer der Faktoren – Stress, soziale Deprivation oder auch Traumatisierungen seien daran ebenso beteiligt. Es fehle in Deutschland insbesondere die Sensibilität, das Problem wahrzunehmen und die Ursachen soweit möglich zu beseitigen. Die Kinder blieben dabei mit ihrer Gesundheit und einer Perspektive für ein gesünderes Leben auf unsicherem Terrain zurück.

Quelle und weiterführende Informationen

  • Biesalski H K: Ernährungsarmut bei Kindern – Ursachen, Folgen, Covid-19. Aktuel Ernahrungsmed 2021; 46: 317–332 DOI 10.1055/a-1553-3202 ISSN 0341-0501. Online Publikation 16.09.2021
     
  • Pressemeldung Thieme Verlag (Oktober 2021): Ernährungsarmut bei Kindern spitzt sich in der Pandemie zu
     
  • NQZ-News vom 26.01.2021 - Fehlendes Mittagessen im Lockdown
     
  • NQZ-News vom 24.06.2021 - Adipositas bei Kindern ist „Stille Pandemie“
     
  • NQZ-News vom 29.11.2021 - Corona-Pandemie führt zu Rückgang von Präventionsaktivitäten